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Fassade und Heimat

Lebendige Zeugen unserer historischen Identität

Ob eine Fassade gefällt oder nicht, ob sie als schön oder hässlich empfunden wird, sei dahingestellt – in jedem Fall hat unsere gebaute Umwelt eine identitätsstiftende Funktion. Oftmals umstritten ist, welches Gebäude erhaltenswert ist und welches nicht, was sinnvoll ist und was nicht. Oskar Spital-Frenking, Architekt und Stadtplaner sowie Professor für Baudenkmalpflege an der Fachhochschule Trier, im Gespräch über Fassaden, Identität und Denkmalschutz.

emcoPLUS: Früher gab es lokal unterschiedliche Bauformen, die sich auch im Aussehen der Gebäude spiegelten. Heute herrscht überwiegend ein einheitlicher Baustil vor. Bedauern Sie diese Entwicklung?

Prof. Oskar Spital-Frenking: Wenn zunehmend überall ein gleicher, einheitlicher Baustil anzutreffen ist, so macht das unser Leben ärmer, weil es an unterschiedlichen Erfahrungsangeboten fehlt. Alles gleich ist langweilig.

Inwieweit prägt Ihre Herkunft Ihre Architektur?

Naürlich wird man durch die soziale wie auch die bauliche Herkunft geprägt. Ein Inder hat ein anderes Verständnis vom Sozialsystem als ein Mitteleuropäer – und warum auch nicht. Er hat natürlich auch ein anderes Verständnis vom Bauen, so wie er sich seiner Kultur verbunden fühlt. Früher galt: andere Länder, andere Sitten. Und natürlich auch eine andere Baukultur. Das macht Reisen spannend und interessant, im besten Fall auch aufregend. Man darf also durchaus seiner Herkunft verpflichtet sein, auch wenn heute Architektur in einem weltweiten Kommunikationssystem besprochen und wahrgenommen wird und somit eine überregionale Sprache naheliegend scheint.

Vielfach werden historische Fassaden erhalten und sogar wieder aufgebaut, um die Identität eines Ortes zu erhalten. Brauchen wir die gewohnte Optik, um uns an einem Ort zuhause zu fühlen?

Historische Gebäude – und nicht nur Fassaden – zu erhalten ist wichtig, weil historische Gebäude lebendige Zeugen unserer geschichtlichen Identität sind. Die deutschen Städte, die sich nach dem II. Weltkrieg und der anschließenden Wiederaufbauphase dieses historischen Erbes entledigt haben, leiden heute darunter. Das Bedürfnis nach Identität, die historische Stadträume ausstrahlen, durch Fassadenrekonstruktionen befriedigen zu wollen, ist gefährlich: Nicht nur handelt es sich dabei um eine sehr oberflächliche Scheinwelt, die ein sehr eindimensionales Verständnis von historischer Baukultur wiedergibt, sondern in der weiteren Schlussfolgerung heißt es ja auch, dass die tatsächlich noch existierende historische Bausubstanz austauschbar, durch Kopien ersetzbar wäre. Man könnte sie aufgeben und durch pflegeleichtere, besser vermarktbare Neubauten in historischen Gewändern ersetzen – ein katastrophaler Gedanke.

Wenn wir den Blick von den stadtbildprägenden Gebäuden auf das alltägliche Wohnumfeld vieler legen, auf funktionale Gebäude aus den 50er-, 60er-Jahren, auf heterogene Stadtviertel und Siedlungen. Verschieben sich da die Maßstäbe von erhaltenswert?

Bei einem Blick auf die 50er-, 60er-, 70er-, 80er- und 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts müssen wir uns eingestehen, dass es sich hierbei um Bauphasen handelt, die inzwischen bereits als abgeschlossene Geschichtsphasen anzusehen sind. Es fällt uns vielleicht schwer, aber auch diese Gebäude gehören zu unserer historischen Identität, auch wenn wir sie vielleicht noch als „jung“ und „aktuell“ in unserer persönlichen Erinnerung haben. Denkmalpflegerische Schutzimpulse sind natürlich auch auf sie anzuwenden – nach Prüfung und Wertung.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie in historischem Kontext bauen bzw. Gebäude sanieren?

Unsere Vorgehensweise bei Objekten im historischen Kontext ist analog der Vorgehensweise eines Arztes. Wir wollen das Gebäude genau kennenlernen, machen also eine umfangreiche  Bestandsaufnahme. Dann werden die Ergebnisse bewertet und diskutiert. Erst dann – aufbauend auf der guten Kenntnis des Gebäudes – entwickeln wir Konzepte. Die haben dann aber sehr viel mit den Gegebenheiten des Bestandsgebäudes zu tun.

Der technische Fortschritt macht nicht halt vor Bestandsgebäuden. Dabei stellt sich auch immer wieder die Frage nach dem Umgang mit der Fassade. Was raten Sie?

Der technische Fortschritt und das Denkmal – ein Denkmal ist nicht dafür gebaut worden, damit es heutigen oder zukünftigen Normierungen genügt. Es muss sich weiterentwickeln und verändern dürfen, aber in einem sinnvollen Verhältnis. Ist ein Objekt unter Denkmalschutz gestellt, habe ich als Planer und Eigentümer doch die große Chance, endlich wieder an die Sinnhaftigkeit von Normen und Regelwerken Fragen stellen zu dürfen und nicht mehr nur technische Werte oder Regeln einhalten zu müssen. Ich kann eine Werteabwägung zwischen Denkmalschutz und zum Beispiel energetischen Normen durchführen. Wenn ein historisches Gebäude bauphysikalisch gut funktioniert und keine Schäden aufweist, werde ich es nicht ohne Not dämmen und dichten, sondern eine gesamtheitliche Betrachtung durchführen. Gleiches gilt eigentlich für jedes Bestandsgebäude. Das Ziel kann nicht ein massiv gedämmtes, luftdichtes Gebäude sein. Die Zukunft liegt in alternativen Konzepten, die auf anderem Wege versuchen, den Primärenergieverbrauch zu verbessern und die Umwelt zu schonen. Die jüngsten Erfahrungen zeigen: Eine zu starke Luftdichtigkeit führt häufig zu Schäden in den Gebäuden. Sie führt nicht zu einer Verbesserung der Raumlufthygiene, sondern eher zum Gegenteil.

Im Bild: Adolf-Grimme-Institut, Marl; Fotos: Fotografie & Design Eva Schwarz, Dortmund

Lesen Sie hier alles über Fassadenlüftung von emcoklima: www.emco-klima.com